Biografische Notizen

 

Da gibt es diesen Schriftsteller, der sich Martin Selber nennt. Viele seiner Bücher haben als Fortsetzungsroman früh den Leser erreicht („Haben ihn tatsächlich erreicht!“) Und wurden dann als fertiges Buch erst recht gekauft, um sie ein zweites, drittes Mal zu lesen. Von der „Knechtschronik bis – vorläufig – zu den „Moorjägern“! Woher diese gewaltige Resonanz, dieser nachhaltige Eindruck?

Cover Knechtschronik

Umschlag der Erstausgabe

Als mit spitziger, wie Spieße und Sensen wirkender Überschrift das Novellenbündel „Die Knechtschronik“ in der „Volksstimme“ erschien, war der Autor gute (gute?) dreißig Jahre alt. …

Erstausgabe Knabe-Verlag Weimar

Faustrecht

Ich habe kaum einen Autor kennengelernt, der vielseitiger ist in seinem Tun (beileibe nicht nur seinem literarischen!) als der Martin. Aber, so kommt mir vor, er kann tun, was er will – musizieren, fotografieren, mitregieren, ausgraben, malen, närrisch sein – immer vervollständigt er unermüdlich und, unentwegt die „ Knechtschronik“, fügt ihr neue Seiten, neue Beweise, neue Erkenntnisse hinzu. Knecht – das Wort scheint ihm zusammengezogen aus „Kein Recht“ – den Knechten verhilft er nachdrücklich und unermüdlich zu ihrem Recht auf Menschsein, darin versteht er den Sinn seines eigenen Tuns, auch seines Schreibens. Dabei sucht er seine Wurzeln und öffnet sich den Winden. Börde und Welt – Welt und Börde, das sind die spannungsvollen Pole, zwischen denen er seinen Claim abgesteckt hat. Scherben um Scheiben entreißt – nein, entnimmt er mit der Sorgfalt des Archäologen – dem Bördeboden seine Vergangenheit, förderte das Dorf Lutken- Domsleve zutage, mit ihm den Timm Riedbure, der lernen muss, sich in der Zeit des Faustrechts zu behaupten, der, den widrigen Umständen zum Trotz, sich Wissen aneignet und den Mitmenschen hilft.

Umschlag Erstausgabe

Erstausgabe Mitteldeutscher Verlag

Diesen Riedburen gilt das Interesse des Autors, auch wenn sie Johann Andreas Schütze heißen („König Lustick und sein Bauer“), Daniel Kolle („Die Moorjäger“), Heinrich Pechau („Ich bin ein kleiner König“), Edmund Niegesch („Heimkehr in fremde Betten“).            – Letzterer allerdings ist ein Zugezogener, einer, der erst heimisch wurde, wie Martin Selber heimisch werden musste in den guten und unguten Jahren seiner Jugend, nach der Knechtung im Wehrmachtssoldatenrock, nach den Lehrjahren, in den Bergwerken der Ukraine.

Buchumschlag Clarissa

Buchumschlag der Erstausgabe

Die Börde also. Sie hat ihn, er hat sie geformt. Die karge, fruchtbare Landschaft, die in alle Richtungen weist, auch in einen endlosen und übergroßen Himmel, auch in die Tiefen der Erde, wo die Kraft Versteckt ist. Mit seinem Kennenlernen und Wissenwollen hat Martin Selber diese Kraft der Erde in sich aufgenommen und umgesetzt in ungezählte Blätter. Zum Beispiel in die über die Clarissa S., die reich wird an diesem Boden und dadurch arm an Menschlichkeit. Die am Schluss eingestehen muss, dass sie sinnlos gelebte Jahre vergeudet hat, dass sie Mitschuld trägt daran, dass die Fratze des Krieges (dessen von 1870/71) schon nah lauert. Und man spürt die Trauer des Autors über dieses vertane Leben, über die nicht genutzte Chance.

Hardcover

Umschlagbild Erstausgabe Kinderbuchverlag Berlin

Den Chancen zur Veränderung hin spürt er nach. Dem Widerhall großer Weltereignisse in der Börde. Königreich Westfalen und Befreiungskriege, achtundvierziger Revolution und die Zeit nach der Befreiung. Und er weiß, dass man verändern muss und erhalten zugleich (die Sprache zum Beispiel, das schwere Bördeplatt, oder die humorige Gelassenheit, mit den Dingen fertig zu werden).

Immer wieder wendet er sich an die Jungen. Er nimmt sie ernst, weil er weiß, dass die Söhne und Töchter der Knechte in allen Zeiten früh ihren Mann stehen mussten. In der „Grashütte“ schreibt er darüber und in „Hanna und Elisabeth“. Die Jungen, wenn die Alten schon längst verformt und verkrüppelt sind, offenbaren Güte und Menschlichkeit. Er hat immer mit den Jungen zu tun gehabt, leitete … Arbeitsgemeinschaften: Funken, Fotografie, Bodendenkmalpflege.

Erstausgabe

Papp-Einband Erstausgabe

Als GST-Funker arbeitet er „Mit Spulen, Draht und Morsetaste“, gestattet sich Jahre später heitere Reminiszenzen in „Salz und Brot und gute Laune“. Und noch immer bekommt er den glänzenden Blick, wenn er davon erzählt, wie plötzlich Kontakt hergestellt war zu der Welt da draußen. Die Welt der Abenteuer, der Bewährungen.

Und auch sie holt er herein: „Krieg unter Palmen“, „Eldorado“, „Und das Eis bleibt stumm“, „Der karibische Feuerofen“, „Wo der Sand die Spuren deckt“, „Unter Robbenjägern und Weltumseglern“, „Hendrik Witboi“, „Ein Schiff fährt nach Rangoon“, „Verflucht, Sarmiento“. „Da drehte sich Heinrich um und schaute nach vorn, stumm entgegen einer neuen, fernen Welt, dem ungeliebten Amerika.“ („Ich bin ein kleiner König“)

Nein, die Welt, die Martin Merbt, der sich Selber nennt, lieben gelernt hat, ist unser Land, besonders das um Wanzleben herum. Hier wirkt er …, als Nachbar und Bürger und Schreibender. Hierher lädt er seine Freunde ein, die aus dem Verband und aus den Bruderverbänden, aus Donezk, aus Radom, aus Hradec Kralove, aus Schumen. Sein Domizil in Domersleben nennt er scherzhaft „das Gästehaus des Verbandes“, eines Bezirksverbandes der Schriftsteller, den er selbst sechzehn lange Jahre geleitet hat, was beiden nicht schlecht bekommen ist…

 

aus: Bernd Wolff aus: et Harze op'n rechten Plack - un dorbi faustdicke hinder de Ohrn. Dem Schriftsteller Martin Se!ber zum 65. Geburtstag.- Volksstimme, 24. Februar 1989.

 

Im Herbst 1945 auf der Suche nach den Eltern kam der junge Martin Selber in den Ort Domersleben, hier wurde er sesshaft, hier sammelte er erste Erfahrungen als Autor: „Am 1. November 1947 erhielt ich von der damaligen Landesregierung Sachsen-Anhalt die Anerkennung als Schriftsteller und wurde in die Kammer der Kunstschaffenden aufgenommen. Es gab ja noch keinen Schriftstellerverband. Von diesem Tage an also war das Schreiben für mich ein Beruf.“ …

Zu seinem Bemühen als Kinderbuchautor erklärte Martin Selber:

„Ich könnte drei Gründe nennen: Erstens mag ich Kinder. Seit fast vierzig Jahren habe ich in Domersleben außerunterrichtliche Arbeitsgemeinschaften. Zweitens sind Kinder das dankbarste und kritischste Leserpublikum. Sie schreiben spontan ihre Meinung, schicken Zeichnungen zu dem Gelesenen und sind voll Wissbegier. Drittens bin ich selbst zu einem gehörigen Teil Kind geblieben. Ich bin gern fröhlich, mitunter verspielt, und ich wehre mich gegen den gewissen Bierernst, mit dem viele Menschen den Alltag angehen. Würde ich einmal Memoiren schreiben, müssten sie den Titel tragen „Ich hab' so gern gelacht.“

aus: Sabine Karradt: Mit heiterer Gelassenheit. In: LDZ, Februar 1989