zum Stöbern - Ramschkiste und Leseecke

Hier werden dann und wann Schmankerln veröffentlicht, die man auf dem Hausboden oder ganz ganz unten in nie aufgeräumten Schubladen findet. Martin Selber war nicht nur Schriftsteller, er war Chronist, Fotograf, Humorist, Amateurfunker, er betreute Künstlergruppen und Arbeitsgemeinschaften. Da bleiben Skizzen, Schnipsel und manchmal ganze Manuskripte übrig, kurze und längere Geschichten, die nie veröffentlicht wurden.

Für diese Fragmente ist auf dieser Seite Platz. Die hier veröffentlichten Bilder und Texte können zum privaten Gebrauch, nicht zur kommerziellen Nutzung, heruntergeladen oder kopiert werden.

Die Bode

(1976)

 

Wollte man, ähnlich wie Smetanas „Moldau“, ein Tongemälde über unsere Bode schaffen, es würde sicher weniger böhmisch klingen, doch keineswegs weniger abwechslungsreich oder dramatisch. Beginnen müsste es mit einem stürmischen Vorspiel am windumtosten Brocken, mit Hexenritten, Teufelslachen, dazwischen immer wieder Regen und Sturm, aber auch Grüße von der Sonne, die, wenn sie scheint, da oben sehr nahe ist.

Irgendwo in den dampfenden Hochmooren beginnt dann erstes zaghaftes Geriesel, Rinnsale finden sich zu Bächen, Bäche zu Wasserläufen, die schon Bode heißen, warme und kalte Bode - wer die Hand hinein taucht, wird beide gleichermaßen frisch empfinden. Sicher haben die Namensunterschiede ihren Grund, wahrscheinlich sind auch Sagen und Märchen im Spiel, der Harz ist daran reich. Seit Urzeiten sprachen die Menschen von den Unterirdischen, von Kobolden, Geistern, Zauberwesen, die hier ihr Spiel trieben und unermüdlich Wasser zutage förderten, was den Drang hat, die Bodearme zu verbreitern.

Es gab auch wirklich genug Geheimnisvolles an jenem Gebirgsfluss. Ein Bergmann namens Friedrich Baumann drang um 1536 bei dem kleinen Orte Rübeland in ein Felsloch vor und gelangte in das Fabelreich einer gewaltigen Tropfsteinhöhle, die fast sein Grab wurde. Als er nach tagelangem Umherirren endlich den Eingang wiederfand, war er am Ende seiner Kräfte, faselte von Unholden, die ihn erschreckt hätten, doch was er von den wunderbaren Grotten und Schlünden erzählte, lockte andere Mutige in die Unterwelt.

Die Gegenwart hat den Unholden die Macht entrissen. Zu lange hatten ihre Launen den Menschen Schrecken gebracht. Waren sie zu müde, rann der Fluss matt und träge, das aber hieß Hungersnot.

Trieben sie es zu arg, wurde die Bode ein wütender, mordgieriger Feind, und das Hochwasser riss hinweg, was sich die Uferbewohner mühsam geschaffen hatten.

Wir haben gelernt, uns die Quellgeister dienstbar zu machen, zwingen dem Wasser unseren Willen auf, stauen es, leiten es um, bringen es hinter eine himmelhohe Mauer aus Beton. Stichwort: Rappbodetalsperre, Krönung eines ganzen Systems von Sperren und Überleitungsanlagen. Hier wird unsere Musik heroisch; denn da haben sich Ingenieurkunst, Technikergeist und Arbeiterfleiß ein Denkmal geschaffen, das seinesgleichen sucht. Über hundert Meter hoch, achtzig breit, 450 Meter lang stemmt sich der graue Sperriegel zwischen die Felswände des Rappbodetals, ein Riese der Neuzeit, der mit seinem Buckel mehr als hundert Millionen Kubikmeter Wasser zu einem acht Kilometer langen See anstaut. Es ist ein Riese, den Menschen geschaffen haben, der keine eigenen Launen haben darf, sondern brav seine Arbeit tut: Trinkwasserversorgung für weite Teile des Mitteldeutschen Raums, Pumpspeicherkraftwerk von 80 Millionen Watt Leistung für das Energienetz. Sieben Jahre wurde von der Grundsteinlegung bis zur Fertigstellung daran gebaut - die alte Zauberzahl sieben hat die Geister gebannt, jetzt herrscht Frieden im Bodetal.

Auch unser Tongemälde findet zu ruhigeren, lieblicheren Passagen. Da liegt Altenbrak, Urlauber spazieren oberhalb des Wassers entlang, schauen in den stetig dahinziehenden Fluss. In den Hang schmiegt sich die Freilichtbühne, wo sich im Wettstreit die Jodler messen. Von beiden Seiten her tauchen die Wälder von den Höhen herab, die Straße tanzt mit dem Wasserlauf, folgt seinen Windungen, überspringt ihn auf schmalen Brücken - schon sind wir in Treseburg, Treffpunkt der Touristenbusse, in den Gartenrestaurants klappern Kaffeetassen, klingeln Biergläser. Die Fachwerkhäuser engen das Asphaltband ein und lehren die Kraftfahrer Geduld.

Nun aber kommt der romantische Satz. Vorbei ist es mit der Beschaulichkeit ruhig ziehenden Wassers. Steinwände wachsen aus den Ufern hoch, machen den Himmel schmal, der Fluss gerät in Erregung, wir haben den schönsten Teil des Bodetals erreicht. Hörner und Pauken und Beckenklang! Es gischtet um Klippen, es drängt und gurgelt, bricht durch die hemmende Felsenfessel. Der Todesschrei des stürzenden Riesen Bodo klingt darin mit und auch das triumphierende Lachen der schönen Reiterin Emma hoch oben von der Rosstrappe. Die bunten Gondeln der Schwebebahn ziehen spielzeuggleich vorüber. Plötzlich ist sie draußen, die Bode, entsprungen dem Gebirge, am Rande der Ebene begrüßt sie die Stadt Thale mit dem Dröhnen und Zischen des Walzwerkes. Der Fluss hat hier brav und still zu sein, Menschenhand grub ihm das regulierte Bett - leider ist auch das Wasser nicht mehr so kristallklar wie oben in den Bergen. Zuviel schon hat es schlucken und fortschaffen müssen.

Hinter den Hügeln taucht die Gartenstadt Quedlinburg auf, das vom Kriege verschonte Kleinod, dem geschickte Restauratorenhände ein neues Gewand angezogen haben. Der Markt prangt in frischen Farben, ein gelungenes Ensemble verschiedener Bauepochen, zu sehenswerter Einheit gebracht.

Nun beginnt der Fluss in sanften Bögen zu schwingen, fließt nordwärts durch jene weiten Feld- und Wiesenflächen, die er sich vor undenklichen Zeiten geschaffen hat. Bevor hier der Mensch eingriff, waren dies undurchquerbare Sumpfgefilde voller Altwasser und Schwemminseln. Hier waren nur Wasservögel und Biber zu Haus, Mücken und Libellen. Irgendwo dort mag es gewesen sein, wo eine Reitertruppe der wilden Ungarn mit Mann und Ross im Morast versank. Ihr Wehklagen, so sagt man, soll in stürmischen Nächten mitunter wohl noch zu hören sein.

Inzwischen hat der Fluss Gesellschaft bekommen, die liebliche Selke findet sich hinzu, Goldbach, Holtemme und Großer Graben folgen. Wir sind in Oschersleben. Das Wasser schäumt über ein Mühlenwehr hinweg, dahinter tummeln sich flinke Sportler mit ihren wendigen Booten. Die Stadt ist das Zentrum des bedeutenden Bördekreises und beherbergt etliche Industriebetriebe. In den Straßen der Altstadt drängen sich Fahrzeuge und Fußgänger, die Kirchturmhauben erinnern an die Helme der Panzerreiter aus Brechts „Kaukasischem Kreidekreis“ - das Ganze ein launisches Capriccio in unserem Tonbild.

Jetzt, als wäre er des ewigen Dranges nach Norden müde, wendet sich der Fluss ganz plötzlich südostwärts. Am linken Ufer hebt sich die Börde, der Wind trägt den Geruch endloser Weizenfelder heran, gewürzt mit Zwiebelduft und verwehten Grüßen von werdendem Zucker. Der Himmel ist weit und voll vom Lärm der Erntemaschinen. Immer mehr aber wird die Landschaft auch von Industrieanlagen geprägt; denn die Bodenschätze tief unter dem Wasser haben seit langem die Aufmerksamkeit der Anwohner gefunden: Kohle, Salz, Kali.

Viele Lagerstätten wurden längst ausgebeutet, die Bruchfelder alter Schächte sind unübersehbar, doch die Industrien sind geblieben, haben sich gewandelt, sich neue Produktionsgebiete erschlossen. Auch die alten Bodeübergänge haben sich gehalten, Hadmersleben, Egeln, Unseburg, Löderburg - einst eine Kette wehrhafter Burgen, die den Fluss zur unüberquerbaren Bastion machten. Heute eilen die Autos ungehindert vorüber.

Dann Staßfurt, die einstige Salzstadt, deren älteste Teile unaufhaltsam absacken und die daher umzieht auf sicheren Grund. Immer mehr schiefe Häuser und Türme weichen Grünanlagen. Aber das Wasser drängt weiter, breit schon, ein richtiger Fluss, längst hat er Sarre, Ehle und Liethe aufgenommen, wächst der Vollendung entgegen. Schon kündigt sich das Finale an. Es ist beileibe nicht das Meer, das liegt noch weit, weit hinter dem Horizont. Nein, ihr Ende findet die Bode ganz undramatisch, ganz ohne jede Sensation.

Da liegt das Städtchen Nienburg, hier, dicht an der Straßenbrücke nach Köthen taucht unsere Bode ganz sanft in die große Schwester Saale ein. Kein Crescendo mehr, nichts von Trompeten und Posaunen, auch das Schlagwerk schweigt. Die Wasser vereinigen sich beinahe unmerklich, ein leises Ausklingen in schwebenden Pianoakkorden, vielleicht ganz vorsichtig eine Ahnung darin, dass man miteinander die Elbe erreichen, Magdeburg passieren wird und dass man nach etlichen Tagen doch noch ins Meer kommt.

Ein Fluss also, wie es viele gibt, für uns aber ein gutes Stück Heimat, das wir lieben, um dessen Sauberkeit wir besorgt sind, zu dem wir sonntags hinausfahren, uns zu erholen, und das wir nicht missen wollen - unsere Bode.

 

Hier bereits veröffentlicht:

Der Säbel des Gendarmerieinspektors

Zur Jugendweihe 1992

Löwenzahn und roter Klee

Wie ich Bestarbeiter wurde

Scherzworte und Redensarten

Hilfe, ich bin out

Die Bode

Stoßseufzer im Parkett / Publikumsgedanken

Die Schnapsdrossel